Sonntag, 27. Januar 2019

{Rezension} Die zerbrochene Puppe

Die Physikerin Æmelie von Erlenhofen stellt auf einer Konferenz in Venedig den Prototypen einer Brennstoffzelle vor. Kurz darauf dringen wandelnde Tote in ihre Unterkunft ein und töten die Wissenschaftlerin, der es gerade noch gelingt, ihrem Mann Naðan die Flucht zu ermöglichen. Das Letzte, was sie ihm mit auf den Weg gibt, ist ihre alte Porzellanpuppe, die von nun an Naðans beste Freundin wird, da sie mit der Stimme seiner verstorbenen Frau spricht. Die sterblichen Überreste Æmelies indes verschleppen die wandelnden Kadaver …

Figuren
Ich glaube, Figuren, wie Judith und Christian Vogt sie erschaffen, habe ich vor diesem Buch noch nie getroffen. Jede von ihnen ist facettenreich, interessant, sehr individuell und begeistert auf ihre ganz eigene positive oder negative Art. Das „Juwel“ unter diesen Charakteren ist Naðan, der Hauptcharakter. Er scheint nur aus Gegensätzen, die trotzdem miteinander harmonieren, zusammengesetzt zu sein. Er wirkt wie ein zerbrechlicher Mann, beweist allerdings auch oft genug, dass er eine starke Seele besitzt. Obwohl ihm großes Unrecht geschieht und er gerade erst seine geliebte Ehefrau verloren hat, bleibt er am Boden und trägt überraschenderweise keinen großen Zorn in sich, jedoch vermehren sich seine Rachegelüste nach und nach.

Schreibstil
Ich war von Beginn an wirklich überwältigt von der spürbaren Liebe Naðans zu seiner Frau Æmelie, obwohl sie nicht diese typische, schwere Romantik inne hat, sondern ganz eigen die beiden miteinander verbindet. Das Autorenpaar hat einen wirklich besonderen Schreibstil, den ich mittlerweile zu meinen allerliebsten zähle. Er ist lyrisch und angenehm anspruchsvoll, gleichzeitig aber leicht und mit einem Hauch Poetik, dann wieder düster und schroff und trotzdem immer konstant unkompliziert.


Inhalt
Naðan und seine Frau Æmelie werden nachts aus dem Schlaf gerissen, als Fremde in ihre Unterkunft einbrechen. Naðan kann gerade so mit der Porzellanpuppe seiner Frau entkommen, Æmelie selbst hat dabei jedoch nicht so viel Glück. Überstürzt und verwirrt flieht er durch das vereiste Venedig, die Puppe Ynge dabei als seinen einzigen Trost immer in der Tasche. Während er die Nachforschungen um den Verbleib seiner Frau aufnimmt, stößt er auf immer mehr blutige Geheimnisse verschiedenster düsterer Gestalten, eines davon: Das urplötzliche Verschwinden von Leichen häuft sich in der letzten Zeit und die Anzahl an mechanischen Zombies, nach Frankensteins Art zusammengebaut aus Leichen, steigt. Während er der mal mehr, mal weniger deutlichen Spur folgt, verläuft Naðan sich zwischen Prostituierten, alten Bekannten und den Ermittlungen immer wieder, ist aber nie von seinem eigentlichen Ziel abzubringen. Selbst, als er scheinbar den Verstand verliert, weil er glaubt seine Frau würde durch Ynge mit ihm reden, knickt er nicht ein, sondern lernt nur mehr und mehr, wie er auf seine Weise um Gerechtigkeit kämpfen kann.
Nach langem verzweifelten Hin und Her landet er in den Armen von Wilden, den Friesen, und findet in unerwarteten Gestalten Verbündete, und Feinde gleichermaßen. Mein liebster Teil vom Buch beginnt hier, doch würde ich spoilern, wenn ich an dieser Stelle mehr verraten würde. Nur lasst mich so viel sagen: Tragik, Nervenkitzel, dunkler Humor und derart neue und alte Emotionen setzten hier nicht nur Naðan, sondern auch mir zu. 
Judith und Christian Vogt haben eine traurige, verhärmte alternative Welt zu unserer geschaffen, in der Zeppeline über gefrorenen Städten kreisen und weitgreifende, dunkle Machenschaften überall miteinander verzweigt sind. Sie haben geschickt gewohnte und ungewohnte Elemente miteinander verwoben und so eine ideale Mischung erschaffen.

Wie kann man begreifen, dass die, neben der man Nacht für Nacht eingeschlafen ist, deren warmen Körper man stets als Teil seines Lebens geschätzt hat, nun fehlt? Manchmal frage ich mich: Tut es weh, weil ich sie vermisse?
Oder tut es so schrecklich weh, weil ich den Schmerz empfinde, den ihr Fehlen der Welt verursacht?
Seite 19

Es ist so, dass ich die Wirklichkeit liebe. Sie hat eine ganz eigene Poesie, und die Kunst hat ihr oft nichts mehr hinzuzufügen. 
Seite 57

Während des Zeichnens gestand ich mir ein, dass ich unglücklich war. Dass eine Leere in mir war, die Ynges Schweigen nur vertiefte, dass sie mich aushöhlte und meine Seele darin klappern ließ.
Seite 218

Ich wünschte mich tot, oder ich wünschte die Welt tot. […] Ich war so nah an etwas Schönem, und doch verblasste alles Schöne, scheiterte und brach als Eisscholle entzwei an der Leere, die in mir gähnte wie der Riss im Puppenkopf.
Seite 244

Spektakulärer Steampunk, begeisternd anders und packend von der ersten bis zur letzten Seite. Einfach ein wundervolles Buch von Autoren, die immer die richtigen Worte zu finden scheinen.

7/7
(Wenn ich könnte, würde ich hier 700 geben. Und ein tanzendes Einhorn.)
ISBN 978-3-86762-156-4

Weitere Werke der Autoren
   
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Kommentare:

  1. Huhu!

    Ohhh, da musste ich sofort nachschauen was du dazu geschrieben hast! Das Buch hatte ich mal auf meiner Wunschliste, hab es aber dann wieder gestrichen. Interesse war einfach nicht mehr so da, aber wenn ich deine Rezension so lese, sollte ich es wohl doch mal damit versuchen.
    Grade so ein außergewöhnlicher Schreibstil ist oft das Besondere, aber auch die Handlung klingt spannend. Auf jeden Fall mal was ganz anderes für mich, das muss ich mir jetzt doch wieder notieren ;)

    Liebste Grüße, Aleshanee

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    1. Hallöchen,

      freut mich, dass ich dir das Buch wieder schmackhaft machen konnte! Die Rezension zum zweiten Band kommt auch bald online und der war genauso genial. Am liebsten würde ich die Bücher direkt noch einmal lesen, denn die sind wirklich etwas ganz Einzigartiges, wie ich finde.

      ~♥

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